Mittwoch, 22. August 2012

Wolfgang Herrndorf: Sand

474 S., Rowohlt, 19,95 €, ISBN 978-3-87134-734-4


Der Roman "Sand" von Wolfgang Herrndorf steht seit ein paar Tagen auf der Long List für den Deutschen Buchpreis 2012. Mit "Tschick" gelang Herrndorf vor ein paar Jahren ein absoluter Volltreffer: ein überaus witziges Jugend-Road-Movie mit kuriosen Aussenseiter-Gestalten.

Entsprechend gespannt war ich auf sein neuestes Werk. "Sand" ist ein Buch ganz anderer Art und man tut sich schwer damit, es in eine Schublade zu packen: am ehesten ein Thriller, gewürzt mit politischen Motiven und zwielichtigen Akteuren.

Herrndorf legt dem Leser Fäden in die Hand - vielschichtige - die lange Zeit nicht zusammen passen wollen. Da ist zum einen ein Massaker an vier Bewohnern einer Hippie-Kommune in der nordafrikanischen Wüste Anfang der 70er Jahre. Aufklären sollen dies zwei wenig motivierte Kommissare, die eigentlich selbst nicht wissen, worum sie gerade in diesen Land gelandet sind.

Dann taucht eine blonde Amerikanerin auf, die zwar blond und ihrem Aussehen nach für wirklich dumm gehalten werden könnte, jedoch sich am Ende als eine Schlüsselfigur entpuppen soll. Angeblich ist sie im Land um für eine Kosmetikfirma vor Ort zu arbeiten. Zufälligerweise kennt sie aber aus Jugendtagen eine Bewohnerin der besagten Kommune.

Und als dritter Faden wird ein Halb-Araber mit Gedächtnisverlust ins Rennen geschickt, der offensichtlich niedergeschlagen wurde und sich so gar nicht erinnern kann, wer er ist und warum er verfolgt wird. Lediglich ein alter Schuppen, wo er ein Gespräch seiner Verfolger belauschte und einen Toten findet, sind Anhaltspunkte.

Auch im Laufe der Geschichte kommen weitere Indizien nur sehr spärlich hinzu. Die Amerikanerin Helen, die den Araber (genannt Carl) in der Wüste aufliest, versucht zu helfen, verhält sich aber selber höchst suspekt.

So nimmt die Geschichte ordentlich Fahrt auf und es wird eine hohe Spannung aufgebaut, die am Ende den Leser aber unzufrieden und nur teilweise aufgeklärt zurück lässt. So ungewöhnlich, geradezu amüsant Herrndorf seine Figuren zeichnet und es versteht, den Leser in der Geschichte zu halten - einen Sog erzeugt, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann, so enttäuscht ist man am Ende, wenn die Fäden immer noch nicht zusammenlaufen.

Nach einigem Rückblättern und nochmaligem Nachlesen erklären sich mir ein paar Fakten:

  • wer ist Carl wirklich? (Obwohl das nie explizit aufgelöst wird.)
  • gibt es seinen Kumpan Cetrois überhaupt?
  • welche Rolle spielt Helen in dem Ganzen?
Jedoch gibt es noch viel mehr Fragen als Antworten am Ende. Herrndorf schafft es nicht, seine Fäden zu entwirren, vielmehr verheddert er sich mit zahlreichen Einzeleinfällen und vergisst die plausible Auflösung.

Ich habe das Buch bis zur letzten Seite mit Hochspannung gelesen. Insofern kann ich es nicht schlecht bewerten. Und wenn ich es jetzt direkt noch einmal von vorn beginnen würde, vielleicht wäre mir dann Erleuchtung beschieden. Aber dennoch bin ich nicht überzeugt und hätte dem Buch einen couragierten Lektor gewünscht, der den hoch gefeierten Autor wieder auf den Weg bringt.

P.S. Nach dem Lesen der im Kommentar empfohlenen Kritik, die Aufklärung über viele Details enthält, muss ich meine Meinung ein wenig revidieren. Als aufmerksamerer Leser als ich wurden die Fakten greifbar ausgebreitet, man musste sie wohl nur nehmen.

Für mich heißt das: ich muss wohl doch noch einmal das Buch zur Hand nehmen, wenn auch nicht sofort, aber vielleicht in den nächsten Monaten irgendwann.


Kommentare:

  1. Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, fast alle vermeintlich offenen Fragen zu beantworten: http://www.klett-cotta.de/fm/14/MR_2012_04_0333-0340_Maar_LP.pdf
    Mich verwundert, wie viele Leute nach dem Lesen meinen, dass der Roman viele offene Enden hat, wenn doch wirklich fast jedes Detail im Buch zu Ende geführt wird...

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  2. Schade, wenn man nur jemand "Anonymen" antworten kann. Aber mich würde mal interessieren, ob Du das Buch selbst gelesen hast. Mein Fazit war ja auch: wenn ich es nochmal lese, würden sich vielleicht auch alle Fäden entwirren. Beim einmaligen Lesen und ohne andauernd zurück zu blättern (was ich im Übrigen für den Erzählfluss störend empfinde) ist es schwer, alles zu verstehen.

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  3. Ich fand das Buch auch recht verwirrend, aber auf eine positive Art - schließlich erzeugt diese Verwirrung ja auch die Spannung. Auch ich habe es mit Hochspannung gelesen, hatte am Ende aber nicht das Gefühl, dass Fragen unbeantwortet blieben - zumindest nicht mehr, als in anderen Büchern auch. Insofern auch von mir eine Leseempfehlung :).

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  4. Ich glaube, das ist die erste Rezension zu "Sand" die ich lese. Das Buch steht schon lange auf meiner Wunschliste, da mich "Tschick" damals auch sehr begeistert hatte.
    Und deine Rezension klingt ja - trotz Verwirrung - nicht negativ, ganz im Gegenteil. Ich denke, nun bin ich richtig neugierig auf das Buch geworden. Das mit den verschiedenen Erzählsträngen klingt super und ich liebe Verwirrung. :-)
    Eine tolle Rezension!

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