Freitag, 22. Januar 2010

Hans Waal: Die Nachhut



374 S., 8,95 €, Aufbau-Verl., 978-3-7466-2558-4


Leider weiß ich nicht mehr, von welchem Lovelybooks-Mitglied ich dieses Buch empfohlen bekommen habe. Aber nachdem ich mich nach dem Inhalt des Buches erkundigt habe, stand fest: das muss ich lesen. So lag es nahe, mir das Buch zu Weihnachten schenken zu lassen und mein Großer tat mir den Gefallen.

Eines kann ich schon mal vorweg sagen: enttäuscht worden bin ich nicht. Ein köstliches Buch, das ich jedem nur ans Herz legen kann.

Die Geschichte spielt im Jahre 2004 - fast 60 Jahre nach Kriegsende. In einem Bunker in der Nähe von Wittstock leben immer noch vier Übriggebliebene des Dritten Reiches. Fritz ist der Chronist der Truppe, Otto der Kommandierende und auch der Älteste. Josef wird von allen "Der Jude" genannt und dann ist da noch Konrad.

Nachdem nun der letzte Büchsenöffner abbricht, ist die Moral der Truppe am Ende. Die Flugzeuge über ihnen hören sie schon lange nicht mehr und deshalb beschließen sie, den Bunker zu verlassen und sich auf den Weg zur nächsten Kommandozentrale zu machen, zur Not wollen sie gar bis Berlin marschieren, um neue Befehle entgegen zu nehmen.

Nicht lange nach ihrem Ausstieg sorgen sie für ein heilloses Chaos und werden vom BKA und von einem kleinen Fernsehteam gejagt.

Erzählt wird die Story aus drei unterschiedlichen Perspektiven. Am witzigsten liest sich die Sichtweise von Fritz, denn keiner der vier will wahrhaben, daß der Krieg vorbei ist. Sie interpretieren das, was sie sehen auf sehr absurde Weise und demzufolge sind auch ihre Aktionen und Reaktionen völlig daneben - aber irgendwie auch saukomisch!

Benny ist Kameramann und wittert die Chance, die Bilder seines Lebens in den Kasten zu bekommen. Er schafft es sogar, daß Fritz ihm vertraut und später die Briefe an Lisbeth (die Fritz 60 jahre schreibt) an die richtige Adresse zu befördern.

Die dritte Perspektive ist die der Evelyne Thorwart, der Beauftragten des BKA für die rechtsradikale Szene. Ihre fast schon fanatischen Ansichten lassen uns manchmal kopfschüttelnd zurück. Anderseits wirkt sie doch völlig abgeklärt und konfus. Sie weiß im Grunde, daß sie nur eine Repräsentationsfigur ist und Entscheidungen an anderer Stelle getroffen werden.

Das Ganze ist in einer Sprache erzählt, die einen mitreißt und gleichzeitig dauerhaft schmunzeln läßt. Absurd ist die Situation und die Gedanken der Beteiligten ebenso. Es entstehen groteske Situationen, wie zum Beispiel die auf dem Marktplatz von Wittstock, wo die Nazi-Opas für einen neugierigen Menschenauflauf sorgen:

"Nur eine Frau schien den Auflauf nicht wahrzunehmen, lief zielstrebig auf den Vietnamesen zu und begutachtete dessen Ware. Als Konrad sie ansprach, warf sie einen Pullover zurück auf den Tapeziertisch und bahnte sich schnell einen Weg durch die Zuschauer an uns vorbei. Es war keine Angst in ihrem Gesicht, eher Empörung, als hätte sie ein Punk wegen etwas Kleingeld belästigt. Verlegen sah ihr Konrad nach. Der Vietnamese lächelte höflich. Ihn hätte Konrad sicher alles fragen können, nur woher sollte er wissen, wie die freundlichsten Brandenburger heutzutage aussehen?" (S. 102)

Solche Seitenhiebe finden sich massenweise in diesem genialen Werk. Ich hatte schon lange nicht mehr soviel Freude an einem Buch. Für mich ist es eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.

Und deshalb meine Bitte: kaufen, lesen und so vielen Menschen wie möglich weitergeben! Über das Ende wird nichts verraten, es ist versöhnlich und folgerichtig, auch wenn man zwischendurch vielleicht ein rasanteres erwartet hätte.

Kommentare:

  1. Besten Dank für die Rezension, die mich wirklich neugierig auf dieses anscheinend ziemlich skurrile Stück Gegenwartsliteratur gemacht hat.
    Viele Grüße,
    Harald

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  2. Ich kann das Werk nur empfehlen. Finde es übrigens spannend, was du beruflich machst. Ist nicht so weit weg von meinem eigenen Tätigkeitsfeld.

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  3. Heute erreichte mich folgende email:

    Liebe Frau ...,
    bei amazon habe ich gerade Ihre Rezension entdeckt und wollte es nicht versäumen, mich herzlich zu bedanken. Urteile wie “eines der besten Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe” lassen mich erröten aber sind gleichzeitig Ansporn und Lohn, zumal dieses Buch ohnehin fast ausschließlich von Mundpropaganda lebt. Also noch einmal: Besten Dank dafür und alles Gute für Sie persönlich! Ihr Hans Waal

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